Cloud Repatriation 2026: Warum der Trend zurück zu Bare Metal geht

8. Januar 2026
Timo WevelsiepTimo Wevelsiep

Jahrelang war „Cloud First" das Standard-Narrativ: schneller starten, weniger CapEx, mehr Agilität. 2026 ist die Debatte deutlich nüchterner. Kostenkontrolle, Planbarkeit und regulatorische Anforderungen führen dazu, dass Unternehmen selektiv Workloads aus der Public Cloud zurückholen – nicht zwingend „alles", aber genug, dass es strategisch relevant ist.

Das ist nicht nur Anekdote: Im Flexera 2025 State of the Cloud Report geben Unternehmen an, dass 21% der Cloud-Workloads bereits repatriiert wurden. Gleichzeitig wächst Public Cloud weiter – Repatriation ist also eher ein Zeichen von Hybrid-Reife als ein „Cloud-Ende". 1

Parallel dazu prognostiziert Gartner weiterhin stark steigende Public-Cloud-Ausgaben (u. a. $723,4 Mrd. für 2025) und erwartet, dass Hybrid Cloud bis 2027 in der Breite ankommt. Die Botschaft ist eindeutig: Cloud bleibt, aber ihre Rolle verschiebt sich. 2

Das „Trillion-Dollar-Paradox": Wenn Cloud-Kosten zur Margenbremse werden

Andreessen Horowitz (a16z) hat das Dilemma früh auf den Punkt gebracht: Cloud ist ideal, um schnell zu starten – bei Scale kann sie jedoch zur strukturellen Margenbremse werden. In „The Cost of Cloud, a Trillion Dollar Paradox" argumentieren Sarah Wang und Martin Casado, dass Cloud-Kosten bei größeren Softwareunternehmen messbar auf Profitabilität und damit sogar Marktbewertung drücken können. 3

"You're crazy if you don't start in the cloud; you're crazy if you stay on it." — Martin Casado (a16z)

Wichtig: Selbst a16z betont, dass das kein pauschales „Raus aus der Cloud" ist, sondern ein Framework, Infrastrukturkosten als First-Class KPI zu behandeln – und je nach Workload die passende Betriebsform zu wählen. 3

Als Gegenposition (und guter Realitätscheck) lohnt die CloudZero-Einordnung: Repatriation kann sinnvoll sein, ist aber keineswegs automatisch die beste Antwort – oft ist das eigentliche Problem „Lift-and-Shift ohne Cloud-Native-Architektur" bzw. fehlende Kostenverantwortung in Engineering/FinOps. 4

Case Study 1: 37signals (Basecamp/HEY) – Cloud Exit mit veröffentlichter Kostenrechnung

37signals ist eines der transparentesten Beispiele, weil CTO David Heinemeier Hansson (DHH) den Exit öffentlich dokumentiert und Basecamp eine kuratierte Übersichtsseite mit den relevanten Artikeln pflegt. 5

Ausgangslage (veröffentlicht):

  • 2022 lagen die Cloud-Kosten bei rund $3,2 Mio. (ohne spätere S3-Exit-Phase differenziert aufgeschlüsselt). 6

Maßnahmen (veröffentlicht):

  • Investition in eigene Server (Dell) + Betrieb in Colocation/Bestands-Racks; initial kalkuliert im Bereich ~$600k Hardware, amortisiert über mehrere Jahre. 6

Ergebnis (veröffentlicht):

  • Bereits 2023 berichtet DHH über eine Run-Rate-Reduktion und schreibt, dass sich der Hardwarekauf „mit den aktuellen monatlichen Einsparungen in unter sechs Monaten" rechnet. 7
  • Für 2024 nennt er „das erste saubere Jahr der Savings": Cloud-Bill von $3,2 Mio./Jahr auf $1,3 Mio./Jahr reduziert, Einsparung knapp $2 Mio./Jahr, und die Gesamtprognose „über $10 Mio. in fünf Jahren". 8

Die zentrale Aussage: Für „Steady-State"-SaaS-Lasten mit planbarem Wachstum kann Eigentum/Colocation massiv günstiger sein – sofern man Betrieb und Migration beherrscht. 6 8

Case Study 2: Ahrefs – „Nicht in die Cloud gehen" als Wirtschaftlichkeitsentscheidung

Ahrefs hat die Kostenargumentation ebenfalls detailliert veröffentlicht – maßgeblich durch Efim Mirochnik auf dem Ahrefs Tech Blog.

Die bekannte Headline-Zahl: Ahrefs beziffert die Differenz für den Vergleich „eigene Colocation vs. AWS-Äquivalent" in Singapur auf ~$400 Mio. Mehrkosten (über rund 30 Monate/„~3 Jahre" in der Darstellung). 9

Wichtig für die Einordnung: Ahrefs beschreibt offen Annahmen, Vereinfachungen und bewusst „AWS-begünstigende" Modellierungen (z. B. EBS als vereinfachter Storage-Ersatz, Preisannahmen, Region, Performance-Nicht-Äquivalenzen). Das macht die Quelle stark – aber die Zahl bleibt eine interne Modellrechnung, keine Wirtschaftsprüfung. 9

Langfristperspektive (2017–2023): In einem Folgebeitrag betrachtet Ahrefs historische Ausgaben: $122 Mio. On-Prem/Colocation-Spend seit 2017 vs. > $1 Mrd. hypothetisch in AWS (je nach On-Demand vs. Reserved). 10

Konkrete Monatskosten pro Server: The Register berichtet (unter Verweis auf den Ahrefs-Beitrag) von ~$1.500/Server/Monat (inkl. Anschaffung/Abschreibung) vs. ~$17.557 in AWS für das angenäherte Äquivalent. 11

Warum repatriieren Unternehmen 2026 wirklich? Die drei wichtigsten Treiber

1) Preis/Performance und Planbarkeit

In Public Clouds teilst du Infrastruktur. Das ist kein Problem per se – aber für bestimmte Workloads wird Performance-Varianz teuer (Overprovisioning, komplexere SLO-Absicherung, mehr Caching).

  • AWS definiert vCPU als „Anzahl der Threads eines Prozessors" (also typischerweise Hyperthreads), nicht als „garantierter physischer Kern". 12
  • Der „Noisy Neighbor"-Effekt ist als Architektur-Antipattern dokumentiert: Aktivität eines Tenants kann Performance/Reliability anderer Tenants beeinträchtigen. 13

Bare Metal (Dedicated Server/Colocation) kann hier punkten: weniger Unbekannte, klarere Kapazitätsplanung, oft bessere Preis/Leistung für dauerhaft ausgelastete Systeme.

2) Regulatorik und Provider-Steuerung (DORA)

Gerade in regulierten Branchen sind Anforderungen an Resilienz, Risiko-Management, Auslagerungssteuerung und Third-Party-Risiken gestiegen.

  • DORA gilt als EU-Regulierung und ist seit 17. Januar 2025 anwendbar (Financial Sector + ICT Third-Party Providers). 14
  • Im November 2025 berichtete Reuters, dass EU-Regulatoren u. a. AWS, Google und Microsoft als „kritische" Drittanbieter für die Finanzbranche einstufen. 15

Das ist kein Automatismus „raus aus US-Clouds", aber es erhöht den Druck, Exit-Pläne, Portabilität und Anbieter-Risiko formal zu managen.

3) Jurisdiktion & Datenzugriff (US CLOUD Act)

Bei US-Anbietern ist ein Kernpunkt: US-Recht kann unter Umständen auch dann relevant sein, wenn Daten physisch in der EU liegen, wenn sie „possession, custody, or control" eines US-Providers unterfallen.

  • 18 U.S.C. § 2713 hält ausdrücklich fest, dass Provider die Pflichten zur Offenlegung erfüllen müssen „regardless of whether … located within or outside of the United States". 16
  • Eurojust fasst den CLOUD Act aus EU-Perspektive zusammen. 17
  • EDPB/EDPS haben zudem eine gemeinsame rechtliche Ersteinschätzung zum CLOUD Act veröffentlicht. 18

Wichtig: Ein Wechsel zu EU-Providern kann Jurisdiktions-/Zugriffsrisiken reduzieren, aber „eliminiert" sie nicht automatisch in jedem Szenario.

4) Portabilität wird politisch erzwungen: EU Data Act

Ein praktischer Katalysator: Europa drückt auf Wechselbarkeit. Die Cloud-Switching-Regeln des EU Data Act wurden am 12. September 2025 anwendbar. 19

Parallel haben Hyperscaler Exit-/Transfergebühren angepasst:

  • Google hat bestimmte Transfergebühren in EU/UK gestrichen. 20
  • AWS hat Transfergebühren für Kunden, die zu Wettbewerbern wechseln, entfernt. 21
  • Google Cloud bietet „free network data transfer" für Migrationen off Google Cloud. 22

Das heißt: Lock-in wird regulatorisch unattraktiver – und Repatriation/Hybrid wird organisatorisch leichter durchsetzbar.

Enabler: „Cloud-like" Betrieb auf eigener Hardware ist heute realistisch

Was früher nur mit Hyperscalern komfortabel war, lässt sich heute als Private Cloud/Hybrid Stack abbilden:

  • Proxmox VE bietet eine dokumentierte API (Automation/IaC-freundlich). 23
  • Kubernetes ist etablierter Standard für portable Workloads. 24
  • Ceph liefert verteilten Object/Block/File-Storage als Baustein für private Storage-Layer. 25
  • Für IaC/Automation sind Terraform oder OpenTofu etabliert. 26

Damit wird Repatriation weniger „Rückschritt" und mehr ein Betriebsmodell, das Cloud-Prinzipien auf eigene Infrastruktur überträgt.

Fazit: Cloud ist nicht tot – aber „Steady State" gehört neu gerechnet

Die sauberste Schlussfolgerung aus den Quellen ist keine Ideologie, sondern ein Entscheidungsbaum:

Public Cloud bleibt stark, aber Repatriation ist 2026 ein valider, wachsender Bestandteil von Hybrid-Strategien. 1 2

Bare Metal/Colocation lohnt sich besonders, wenn:

  • deine Last dauerhaft hoch ist (Steady-State),
  • du Kosten pro Transaktion/Unit Economics stabilisieren musst,
  • Performance-Varianz teuer wird (Noisy Neighbors, Overprovisioning),
  • Regulatorik/Third-Party-Risiko formale Exit- und Kontrollmechanismen erfordert,
  • du die operative Disziplin hast (SRE/Infra, Monitoring, Patch-/Lifecycle-Management).

Und die Fälle 37signals/Ahrefs zeigen: Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, können Einsparungen in Millionenhöhe realistisch sein. 8 9 10

Cloud Exit mit OutaCloud: Dein Partner für Repatriation

Du überlegst, Workloads aus der Public Cloud zurückzuholen? OutaCloud begleitet dich vom Assessment bis zum Go-Live – mit Erfahrung aus dutzenden Migrationsprojekten.

Unsere Cloud-Exit-Services:

  • Exit AWS – Raus aus Amazon Web Services, rein in kosteneffiziente Infrastruktur
  • Exit Azure – Microsoft Azure verlassen ohne Vendor Lock-in Risiken
  • Exit Google Cloud – GCP-Workloads sauber migrieren
  • Exit VMware – Weg von VMware-Lizenzen zu Open-Source-Virtualisierung

Jeder Exit beginnt mit einer kostenlosen Analyse deiner aktuellen Infrastruktur. Sprich uns an – wir zeigen dir, was möglich ist.


Quellen

Footnotes

  1. Flexera – 2025 State of the Cloud Report 2

  2. Gartner – Forecast Public Cloud End-User Spending 2025 2

  3. a16z – The Cost of Cloud, a Trillion Dollar Paradox 2

  4. CloudZero – A Trillion Dollar Paradox Response

  5. Basecamp/37signals – Leaving the Cloud

  6. DHH – We stand to save $7m over five years from our cloud exit 2 3

  7. DHH – Our cloud exit has already yielded $1m/year in savings

  8. DHH – Our cloud-exit savings will now top ten million over five years 2 3

  9. Ahrefs – How Ahrefs Saved US$400M in 3 Years by NOT Going to the Cloud 2 3

  10. Ahrefs – How Ahrefs Gets a Billion Dollar-Worth Infrastructure With a 90% Discount 2

  11. The Register – Ahrefs' Kostenvergleich

  12. AWS – EC2 vCPU Definition

  13. Microsoft Azure – Noisy Neighbor Antipattern

  14. ESMA – DORA

  15. Reuters – EU designates AWS/Google/Microsoft as critical providers under DORA (Nov 2025)

  16. Cornell Law – 18 U.S.C. § 2713 (CLOUD Act)

  17. Eurojust – CLOUD Act

  18. EDPB/EDPS – Joint response on US CLOUD Act

  19. Alston & Bird – EU Data Act Switching Requirements

  20. Reuters – Google scraps some cloud data transfer fees in EU and UK (Sep 2025)

  21. Reuters – AWS removes data transfer fees for clients switching to rivals (Mar 2024)

  22. Google Cloud – Eliminating data transfer fees when migrating off Google Cloud

  23. Proxmox VE – API Docs

  24. Kubernetes

  25. Ceph – Technology Overview

  26. HashiCorp Terraform / OpenTofu

Cloud Migration Service

Raus aus der Cloud-Kostenfalle - bis zu 90% Ersparnis.

Kostenlose Analyse
Migrations-Strategie
Lift & Shift Durchführung
Managed Hosting
Cloud Repatriation 2026: Warum der Trend zurück zu Bare Metal geht | OutaCloud Blog